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Flörsheimer
Zeitung 10.02.1998
Olympiade
2010 auf der Wickerer Deponie?
Raabekazze
an Fastnacht wieder mit einem "heißen politischen Eisen" dabei
FLÖRSHEIM (hbk)‑ 15
Mitglieder zählt der Verein der Raabekazze e.V.. Und die sind ein fester
Bestandteil der Flörsheimer Straßenfastnacht. In diesem Jahr sind die
Raabekazze zum fünften Mal mit einem Motivwagen dabei. Ihre Zugnummern sind
bekannt dafür, dass sie "heiße politische Themen" aufgreifen.
So waren viele Flörsheimer 1997 sehr verunsichert, als die närrischen
Raabekazze vorschlugen, das Gelände hinter dem Bootshaus zu einer Hafenanlage
umzufunktionieren, mit dem Mainturm als Leuchtturm.
Auch in diesem Jahr sammelten die kreativen Raabekazze das ganze Jahr über
Ideen. "Nach einem harten Ringen", so Dr. Alfred Beul, stand das
Motiv: Ski‑Olympiade 2010 auf der Wickerer Mülldeponie. Elf Mitglieder
werkeln nun jeden Samstag im neuen Jahr im Hof von Erika Weilbächer in Wicker.
Auf einem 5,50 mal 2,40 Meter großen Untergestell von Wolfgang Mitter, der den
Wagenkoloss ehrenamtlich durch Flörsheims Straßen lenken wird, entsteht ein
Holzgerüst in Form eines Berges. Kleine Skifahrerpuppen aus Holz lassen sich
‑ ganz vornehm über ein motorbetriebenes Rad zum Purzeln bringen. Die
mitfahrenden Raabekazze sind alle in Skiausrüstung und an ihren einheitlichen
Skimützen zu erkennen: Schwarze Wollkappen mit einer Raabekazz als Applikation.
Klar, dass die Männer ("unsere Frauenquote liegt nur bei 6 Prozent")
mit viel Spaß bei der Sache sind. "In der 1 Theorie ganz gut aus",
meint Robert Mohr. "Wir sind ein wenig kopflastig", lacht er :
"Architekten, Ingenieure und Künstler haben wir in unseren Reihen. aber
keine Handwerker‑. Das heißt in der Praxis: Es wird viel ausprobiert und
auch einiges wieder verworfen. Aber die Flörsheimer Narren am Fastnachtssonntag
können ganz beruhigt vorn Straßenrand den Wagen der Raabekazze bewundern: Für
die Statik, die Stabilität und die Verkehrssicherheit ist ein ausgesprochener
Fachmann unter den Mitgliedern der Raabekazze!

Flörsheimer
Zeitung 20.02.1998
Winterolympiade 2010 im
Rhein-Main-Gebiet
WICKER (vb) - Gewöhnlich
nicht so gut unterrichtete Kreise haben uns die folgenden
Outsider‑Informationen angetragen.
Die Winterolympiade 1998 in Nagano, Japan, geht zu Ende, und schon machen
sich die Verantwortlichen Gedanken zu den nächsten Austragungsorten. Die Überraschung
für die Bewerbung 2010 ist perfekt. Rhein‑Main mit Flörsheim als einer
der zentralen Austragungsorte.
Wie kam es dazu? Das NOK (Nationales Olympisches Komitee) Deutschland
sucht schon lange nach einer Alternative zu den bekannten bayerischen Möglichkeiten.
Fündig wurde man hier bei uns. Ein neues gewaltiges Berg‑Massiv ist im
Entstehen, das alle Möglichkeiten für eine zukünftige zentrale olympische
Skistation bietet. Auf Wickers Müllberg müssen, anders als auf dem Feldberg,
keine Wälder abgeholzt werden, um einen Abfahrtslauf zu konzipieren. Herr
Mehler, vorrausschauend wie immer, hat Platz gelassen, um Lifte und
Kabinenbahnen zu installieren.
Es ist jedoch unbedingt erforderlich, dass der Müllberg schneller wächst
als vorgesehen. Die olympisch vorgeschriebene Höhe muss bis zum Jahr 2002
erreicht werden. Hier haben sich die politischen Institutionen des
Umlandverbandes eine bürgerfreundliche Lösung einfallen lassen. Wir haben es
ja alle miterlebt: je weniger Müll die Flörsheimer produzieren, desto teurer
wird die Müllabfuhr Jetzt machen wir es umgekehrt: mehr Müll, und alles wird
billiger und der Berg wächst!
Der Nordhang, heute dem Sperrmüll aus dem Main-Taunus-Kreis vorbehalten, ist einfach ideal zur Anlage einer modernen
Skiflug‑Schanze. Weltrekord ‑verdächtig ist die Aussicht von der
Schanze auf die Frankfurter Skyline und die Wickerer Reben. Es muss die Springer
einfach beflügeln, den Ort ihrer Prämienverwaltung so nah vor Augen zu
haben.
Für die Slalom‑Stangen werden die morschen Wingert‑Pfähle
verwendet. Bei Berührung knicken sie sofort um und vermindern so die
Verletzungsgefahr für unsere Hochleistungssportler Ersatzpfähle sind dann
schnell zu beschaffen, und zur Not hilft Hochheim aus. Dank energiepolitischer
Weitsicht sorgen die eingelagerten Nukem‑Abfälle für einen positiven
Effekt: die Flutlichtanlage wird nicht benötigt: der Berg strahlt von alleine.
Die 20‑km‑Langlauf‑Loipe liegt ebenfalls schon fest:
StartIZie1 ist der Golfplatz in Delkenheim, dann über die derzeitige
Bauschutt‑Recycling‑Anlage zur Wiesenmühle. Der Steilaufstieg zur
Anna‑Kapelle fordert das Letzte der Athleten, bevor sie sich über das
Hochplateau der Kelb zur Warte vorkämpfen. Von hier aus haben die
Fernsehkameras alles gut im Blick und können ihre Satelliten‑Anlagen im
richtigen Abstrahlwinkel anbringen. Die Loipe geht sanft geschwungen zum Bad
Weilbach mit seinen diffizilen Sturzabfahrten. Entlang des Weilbaches geht es
dann über Massenheim und in einer für die Langläufer hervorragenden Abfahrt
zurück zum Start/Ziel.
Natürlich wurde auch an die Biathleten gedacht. Die erste Schießstation ist
das Schützenhaus, die zweite liegt am Weilbacher Rückhaltebecken.
Die Buckelpiste in der Wickerer Straße bringt die Trickski‑Spezialisten
ins Schwitzen. Kampfrichter ‑ Obmann für diesen Wettbewerb ist unser
Ampel-Norbert.
Für die Eishockey- und Eislauf- Wettbewerbe steht der Silbersee bereit. Sehr schön in einem Talkessel
gelegen, ist es dort ausreichend windstill, um die Rekorde purzeln zu lassen.
Die Besucher finden genügend Platz auf den Hängen, müssen sich jedoch ihre
Sitzkissen selbst mitbringen. Der Angelverein hat sich in bewährter Manier
schon angeboten, seinen Imbiss-Stand aufzubauen und die vielen Gäste zu verwöhnen.
Für die politisch Verantwortlichen des Kreises und der Stadt kommt die
Olympiade wie gerufen. Erfahrene Funktionäre jeder Couleur werden auf allen
olympischen Ebenen benötigt, so dass zahlreiche Positionen für
Nach‑Wahlperioden zu vergeben sind. Nicht zuletzt sollen nach den Spielen
die Aufgaben politisch paritätisch verteilt werden. Wer wird wohl die
Lift‑Karten knipsen, die Loipe spuren, die Schnee‑Kanone abfeuern
und das Eis glätten? Wir sind gespannt.
Besonders beeindruckt hat das NOK das Verkehrskonzept, das die Flörsheimer
Politiker entscheidend beeinflusst haben. Der Flughafen ist nah, der Ausbau wird
so konzipiert, dass die An‑ und Abflüge von Süden erfolgen. Damit wird
die Störung der Spiele und der Eröffnungsfeier durch Fluglärm verhindert.
Auch die neueste ICE‑Strecke, die die Langlauf‑Loipe kreuzt, wird
vorübergehend stillgelegt, um die Sportler nicht zu erschrecken.
Die Unterbringungssituation ist mit ausgezeichneten Hotels vollauf
befriedigend. Ausreichend Privatunterkünfte stehen jetzt schon bereit. Viele
Kellerräume und Abstellkammern werden für zahlungskräftige Journalisten und Gäste
entrümpelt.
Parkplätze sind auf dem Opel‑Gelände ausreichend vorhanden, so dass ein
Verkehrs‑Chaos, wie wir es in Nagano erleben konnten, vermieden wird. Von
dort verkehren Shuttle‑Busse. In Flörsheim selbst hat man sich auf ein
traditionelles Transportmittel besonnen: der Pferdeschlitten vom Joffche wird
die Linie zu den verschiedenen Austragungsorten bedienen. Herr Pensionär D.
Wolf macht hier als Kutscher einen lang geäußerten Wunsch wahr Es bleibt dann nur noch: Hall die Gail!

Winterolympiade 2010 auf
Wickers Müllberg – wunderschön !
Wenn´s einen von der Piste
Brettert, wird er gleich vor Ort
geschredddert !
Main-Spitze
23.02.1998
Nagano geht, Wicker kommt.
Zumindest für die "Raabekazze", die schon mal kräftig Werbung für
die Winterolympiade 2010 auf Wickers Müllberg machten. Und falls ein
Ski‑As den Weinbergen zum Opfer fallen sollte, kommt der Standortvorteil
erst so richtig zum Tragen: "Wenn's einen von der Piste brettert, wird er
gleich vor Ort geschreddert!"
Main-Spitze, 07.07.1998,
Eine willkommene Abwechslung
"Raabekazze" organisieren erstmals ein Hofkonzert im Laurentius-Münch-
Haus
Eine willkommene Abwechslung
"Raabekazze" organisieren erstmals ein Hofkonzert im Laurentius-Münch-
Haus
wek. FLÕRSHEIM - Willkommene Abwechslung für die Bewohner des Laurentius-Münch-Hauses
am Sonntag: Die "Raabekazze" richteten zusammen mit dem Flörsheimer
Musikverein und dem Club Harmonie 1924 ein Konzert im Hof des Altenwohnheimes
aus.
Zahlreiche Bürger aus Flörsheim und Umgebung ließen sich vom regnerischen
Wetter nicht abhalten und lauschten den Klängen des Musikvereins und den
Stimmen des Harmonie-Chores. Die Bewohner des Altenwohnheims verfolgten das
Geschehen entweder von den Balkonen aus oder schauten von den Fenstern auf das
Getümmel im Hof.
Daß einige sogar ihre Zimmer verließen und sich unter die Besucher mischten,
erfreute Heimleitung und "Raabekazze" gleichermaßen. Denn mit ein
Grund für die Ausrichtung des Konzerts im Hof des Laurentius- Münch-Hauses war
das gegenseitige Kennenlernen, das Integrieren der alten Menschen in das Flörsheimer
Stadtleben. Daneben sollte der Erlös des Festes für einen guten Zweck dienen:
Je zur Hälfte geht der Gewinn aus dem Hofkonzert an die Kinderkrebsstation der
Uniklinik Mainz und an das Münch-Haus selbst.
Der Verein "Die Raabekazze" ist ein Zusammenschluß von rund 15
Personen, die sich zum Ziel gemacht haben, die Flörsheimer Fastnacht zu unterstützen
und das Brauchtum der Untermainstadt hoch zu halten. Obendrein richten die
"Raabekazze" pro Jahr eine oder zwei gemeinnützige Veranstaltungen
aus, wie ihr Pressesprecher Dr. Hans Albert Beul erläuterte.
In diesem Jahr stand eben das Hofkonzert als Projekt auf dem Programm. Neben dem
Musikverein und der Harmonie trat auch eine Square- Dance-Formation auf. Die
tolle Atmosphäre im "Rund" des Laurentius- Münch-Hauses rundete das
schöne Konzert ab. Ob das Hofkonzert im nächsten Jahr wieder ausgerichtet
wird, konnte Dr. Beul noch nicht sagen. Schön wäre es.
Main
Spitze 23.09.1998
Ein Spendenscheck steckte im Gepäck
Flörsheimer Hilfe für
"Sterntaler" an Uniklinik
spr. MAINZ/FLÖRSHEIM ‑
"Die Kinder sind hier das letzte Rad am Wagen", so Jürgen Schorr,
Geschäftsführer von "Sterntaler". 1991 gründeten Angehörige der
kleinen Patienten den Förderverein der Kinderchirurgie an der Mainzer
Uniklinik, um da zu helfen, wo öffentliche Mittel fehlen.
Mit 2900 Mark im Gepäck kamen nun drei Flörsheimer nach Mainz: Gisela Diehl
vom "Musikverein Flörsheim 1954" und Robert Mohr von den
"Raabekazze" vertraten die Veranstalter eines Benefizkonzerts im
Altenpflegeheim Laurentius‑Münch‑Haus. Auf die Idee, einen Teil des
Geldes der Kinderchirurgie zu spenden, kamen sie, da die zweijährige
Tochter eines Vereinsmitglieds an Krebs erkrankt war und in der Uniklinik
behandelt wurde. Diesem Projekt schlossen sich die Organisatoren des
Siedlungsfestes in der Straße "An der Warte" in Wicker an, die
Hannelore Leise jetzt in Mainz vertrat.
Mit den Spenden wird eines der Sterntaler‑Projekte unterstützt: eine
kleine Spielecke im Wartebereich der Ambulanz. Zur Zeit präsentiert sich der
Flur mit den Sitzreihen noch wenig kinderfreundlich. In Kürze soll jedoch eine
Ecke mit Gummimatten ausgelegt und Holzspielgeräte installiert werden, um die
Wartezeit für die kleinen Kranken etwas angenehmer zu machen.

Flörsheimer Zeitung 17.11.1998
Nur unter Zensur kritische Büttenreden?
Dr.
Anton Maria Keim referierte über die
Traditionen des politischen Karnevals Raabekazze-Abend
FLÖRSHEIM (hbk)‑ Der Verein
der "Raabekazze" und die Stadt luden zu Beginn der Fastnachtskampagne
1999 zu einem Vortrag "Bürgerfest und Zeitkritik ‑150 Jahre
politischer Karneval" am Donnerstag Abend in den Flörsheimer Keller ein.
Referent Dr. Anton Maria Keim ist seit zwei Jahren im Ruhestand und hat 24 Jahre
lang als Kulturdezernent der Stadt Mainz 30 ‑ 40 Karnevalssitzungen pro
Kampagne besucht. Sein 1966 erschienenes Buch mit gesammelten Büttenreden j 1
mal politischer Karneval" war so nachgefragt, dass es bald vergriffen war.
Das Flörsheimer Publikum hatte
somit einen exzellenten Kenner der politisch‑ literarischen Fastnacht vor
sich, die auch für die Flörsheimer Fastnacht stilbildend geworden ist. Dr.
Anton Maria Keim gab einen spannenden Abriss über 150 Jahre
Fastnachtsgeschichte. Die jahrhunderte alte Wurzel der närrischen Tage vor
Aschermittwoch hat mit der christlichen Vorbereitung auf das Osterfest zu tun. Für
den Referenten Dr. Anton Maria Keim hat die Beschäftigung
mit dem Karneval aber auch viel "mit der Beschäftigung mit der
Demokratie zu tun.
1838-1848
Mainz war eine Stadt mit großer
Tradition, durfte sich stolz als einzige Stadt neben Rom "Heiliger
Stuhl" nennt. Der Erzbischof war höchster Reichsbeamter, bis der Wiener
Kongress die Stadt 1815/16 zur Provinz degradierte. Eine Kommission des Herzogs
von Darmstadt wurde eingesetzt zur Untersuchung "demokratischer und
demagogischer Umtriebe". Als 1830 die Französische Revolution nach
Mainz" überschwappte", regte sich die Freiheitssehnsucht der
Deutschen links des Rheins. Das Hambacher Fest 1832 war ein Signal für bürgerliche
Freiheiten. Es war 1838 ausgerechnet der von 100 Kaufleuten in Mainz gegründete
MCV, den die Darmstädter Zensurbehörde als Ordnungselement anerkannte. Im
Statut des MCV gefiel die Passage, der MCV wolle für gute Sitten in der
Fastnacht sorgen".
Das neugegründete Zeitungsblatt "Narhalla" veröffentlichte erste Büttenreden,
in denen die Vorstellungen von Demokratie in närrische Form gefasst wurden. Die
Zeitung entwickelte sich zu einem demokratischen Kampfblatt der "liberalen
Linken" und erschien oft mit weißen Stellen, "Karnevalisten
entwickelten sich zu Märzreformern"; stellte Dr. Anton Maria Keim fest.
Mit der Niederschlagung des Aufstands von 1848 flüchteten viele in die
Emigration nach USA, und es gab Ende der 1850er Jahre keine Fastnacht mehr in
Mainz.
1860-1914
In der Zeit bis 1914 wird die
politisch‑ literarische Fastnacht zu einem Anwalt der Rechtlosen und der
Demokratie. Während sich 1871 nachdem Sieg über Frankreich überall in
Deutschland nationale und patriotische Gesangs‑ und Sportvereine gründeten,
standen die Karnevalisten nicht auf Seiten des Kaisers. Der 1890 gegründete MCC
prangerte in seinen Büttenreden die Missstände in den Kolonien an, die
mangelnde Ministerverantwortlichkeit und den Irrsinn der deutschen
Flottenpolitik. Hellsichtig hatten die Narren damals den Ausbruch des Ersten
Weltkriegs vorhergesagt. Die Kampagne 1907 wurde von einem Skandal beherrscht:
dem Hauptmann von Köpenik. Die Büttenreden wimmelten vor Spott und geißelten
die Uniformgläubigkeit im Kaiserreich und die mangelnde Zivilcourage. Die
Karnevalisten entdeckten Heinrich Heine. Er war für sie nicht "der
Beschmutzer des deutschen‑ Nationalgefühls". Heines 1830
erschienenes zeitkritisches Epos "Wintermärchen"
wurde zum literarischen Grundgerüst vieler Büttenreden für Jahrzehnte.
1925-1939
Nach sechs Jahren Weimarer Republik
gab es ab 1925 wieder Fastnacht in Mainz. Die Büttenreden dieser Zeit sprechen
von Politikverdrossenheit und kündigen das, "Fiasko der Weimarer
Republik" an. Von 1932 bis 1939 ist es schwierig, bei verordneten "Führerjubeln"
oppositionelle Stimmung zu artikulieren. Die Narren besinnen sich auf die
Mainzer Mundart und stellen "Vertrautheit mit Zwischentönen" her. Der
linientreue Mainzer Bürgermeister versucht, auf den Inhalt der Büttenreden
Einfluss zu nehmen, die nicht "ins neue deutsche Reich passen". Er lässt
am Aschermittwoch 1935 das Komitee des MCV verhaften, was ihm die Mainzer sehr
übel nehmen und in der nächsten Kampagne thematisieren.
Doch bleiben die Büttenreden dieser Jahre nicht frei von "braunen Tönen‑,
von Antisemitismus und Judenwitzen. Der bekannte Mainzer Büttenredner Seppel Glückert
drückte nach dem Krieg seine Scham darüber aus, dass "wir alle Heil
geschrieen haben, das zu Unheil wurde".
1945 bis heute
1945 - Mainz liegt noch in Trümmern
‑"verordnet" die französische Besatzungsmacht den so genannten
"Trümmerkarneval" in Mainz mit der Begründung: "Mainz braucht
den Karneval".
In den 50er und 60er Jahren bleibt die Tradition von den Anfängen des
politisch‑ literarischen Karneval von 1838 ungebrochen. Die Themen der Büttenreden
sind Antimilitarismus und Völkerverständigung. Dr. Anton Maria Keim: "Bei
Zensur, ob durch Metternich, Nazis oder Besatzung: Es lohnte sich, gegen den
Stachel zu demonstrieren": Die Kamevalisten fanden immer Formen, sich mit
ihrem Publikum zu verständigen.
Der Historiker stellte die Frage in den Raum, ob es nur bei zensierter Meinung
gute Büttenreden geben könnte, bei Meinungsfreiheit nur noch niveaulose.
Für die Kampagne 1999 sagte Dr. Anton Maria Keim folgende Themen der Büttenreden
voraus: Lewinsky‑Affäre, Viagra (jür die Standfestigkeit der
Karnevalisten") und der Bonner Regierungswechsel (Schröder und seine
"vielen" Frauen).
Die Entwicklung der TV‑Fastnacht sieht der Karnevalsexperte mit Besorgnis.
Sie stehe der Lebendigkeit der Mainzer Fastnacht im Wege. Die Redner schrieben
nicht mehr für ihr (sichtbares) Publikum, sondern für Millionen von
Zuschauern. Sie entwickelten ein typisches Starverhalten bis hin zum Typ
"Wanderprediger". Die Sitzungen seien immer mehr geprägt von
Showelementen, einer Unterhaltung wie in den USA.
Doch Dr. Anton Maria Keim sieht schon eine "Regeneration": Die kleinen
Vereine in den Vororten distanzierten sich von dieser kommerzialisierten
Fastnacht, Sein Fazit: Die politisch‑literarische Fastnacht ist ein
Seismograph für die Befindlichkeit in Sachen Demokratieverständis der Bürger.
Vor und nach dem Vortrag servierten die Raabekazze "Weck, Worscht und Woi".
Christof Enders aus Wicker sorgte am Piano für eine heitere Atmosphäre.

Rüsselsheimer Echo 13.11.1998
Ganz ohne Rucki-zucki
"Bürgerfest und Zeitkritik" prägen die Fastnacht
ds. FLÖRSHEIM ‑ Ein bißchen
verspätet, nämlich einen Tag nach dem 11 - 11 . und dem mit diesem Datum
traditionell verbundenen Beginn der närrischen Zeitrechnung, luden die
"Raabekazze" am Donnerstag in den Flörsheimer Keller ein. Hier
hallten weder Narrhallamarsch oder "Rucki‑zucki" aus den Boxen
noch wurden närrische Büttenreden vorgetragen. Einen Redner gab es dennoch.
Sogar aus der Hochburg des Karnevals, aus Mainz. jedoch waren seine Worte nicht
in reimende Verse gefaßt und dienten auch nicht der Erheiterung. Vielmehr der
Information. Dr. Anton Maria Keim, aktiver Fassenachter und viele Jahre lang
Kulturdezernent der rheinland‑pfälzischen Landeshauptstadt, referierte über
die Geschichte der Fastnacht. "Bürgerfest und Zeitkritik 150 Jahre
politischer Karneval'« lautete der Titel.
Bevor's los ging, servierten die "Raabekazze", die sich neben
Engagement für soziale Zwecke gerne um die Pflege von Traditionen, insbesondere
eben der Fastnacht, bemühen, passend zur fünften Jahreszeit Weck, Worscht und
Woi.
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